Basics
Einleitung
Stammzellen sind Zellen mit zwei besonderen Fähigkeiten: Sie können sich einerseits endlos teilen und neue Stammzellen bilden, andererseits können sie sich spezialisieren und so zu den verschiedenen Zelltypen (z.B. Herz-, Muskel- oder Leberzellen) ausreifen. Embryonale Stammzellen sind nur in einem frühen Stadium des Embryos vorhanden, adulte Stammzellen findet man auch nach der Geburt sowie im erwachsenen Körper. Embryonale Stammzellen können sich noch in alle Körperzellen entwickeln, während sich adulte Stammzellen nur noch eingeschränkt weiterentwickeln können. Im Labor können Körperzellen in einen Zustand ähnlich dem der embryonalen Stammzellen zurückversetzt werden. Man nennt diese Zellen induzierte pluripotente Stammzellen (iPS).
Die medizinische Bedeutung von Stammzellen
Stammzellen aus Embryonen oder iPS können nicht direkt in einen erwachsenen Körper injiziert werden, weil das Risiko besteht, dass sie sich weiter vermehren und Krebs auslösen. Im Labor können sie jedoch unter speziellen Bedingungen angeregt werden, sich in jeden Zelltyp des Körpers zu differenzieren. Das gäbe eine Quelle, um beschädigte Zellen zu ersetzen, die normalerweise nicht ersetz- bar sind, beispielsweise Herz- und Nervenzellen. So könnte zum Beispiel
einem Patienten mit Rückenmarksschäden geholfen werden, indem Nervenzel- len in das Rückenmark injiziert würden. Mit Nervenzellen könnte man die Parkin- son Krankheit behandeln, mit Pankreas-Zellen gegen Diabetes vorgehen.
Das Potenzial ist groß, aber in dem momentan noch frühen Stadium der Forschung ist es schwierig abzuschätzen, wie viele dieser Hoffnungen wirklich brauchbare Therapien werden. Stammzellen aus Embryonen zu gewinnen ist ein kontroverses Thema; die Techniken, um iPS zu erzeugen, sind noch sehr neu und die Möglichkeiten noch nicht ausreichend erforscht.
Info cards
Stammzellen sind Ausgangszellen des menschlichen Körpers, die entweder Kopien von sich selbst oder andere, spezialisierte Zelltypen erzeugen können.
Im Embryo spezialisieren sich Stammzellen langsam, um alle Körperzellen zu bilden. Im erwachsenen Gewebe gibt es Stammzellen, die bestimmte Körperzellen während des ganzen Lebens regenerieren.
Menschliche Stammzellen wurden bereits gewonnen aus:
• Embryonen
• Einigen adulten Gewebearten (z.B. Knochenmark)
• Nabelschnurblut
WissenschaftlerInnen können Stammzellen isolieren und im Labor unbegrenzt halten. Sie können manche Stammzellen anregen, sich in andere Zelltypen zu differenzieren (Nerven, Haut).
Stammzellen – oder aus diesen gebildete Körperzellen – könnten eingesetzt werden, um degenerative (zerstörende) Krankheiten zu behandeln, beschädigtes Gewebe zu reparieren oder Verbrennungen zu heilen.
Degenerative Krankheiten können Menschen von der Kindheit bis ins Alter betreffen. Darunter fallen:
• Parkinson
• Diabetes
• Zystische Fibrose
• Multiple Sklerose
• Muskeldystrophie
• Leukämie
• Hepatitis
• Osteoporose
Die Forschung ist in einem frühen Stadium. Eines Tages könnten Stammzellen für den Ersatz von erkrankten Zellen oder Geweben verwendet werden, aber es ist unbekannt, wie effektiv diese sein werden.
Embryonale Stammzellen werden üblicherweise aus Embryonen gewonnen, die mittels in-vitro-Fertilisation erzeugt worden sind. Die Zellen werden aus dem ca. 1 Woche alten Embryo entnommen, der in diesem Stadium aus 30-150 undifferenzierten Zellen besteht. Dabei werden die Embryonen zerstört.
Die in der Forschung verwendeten Embryonen sind zumeist „Überschuss“ aus klinischen Behandlungen wie IVF. Nur in einigen Ländern ist es erlaubt, sie spezifisch für die Forschung zu erzeugen.
Als überzählige Embryonen werden solche Embryonen bezeichnet, die bei einer vitro Fertilisation (IVF) erzeugt wurden, aber nicht mehr für die Herbeiführung einer Schwangerschaft verwendet werden können. Derzeit lagern in Europa hunderttausende dieser Embryonen.
Stammzellen findet man in adultem Gewebe wie Knochenmark und Blut. Sie sind selten und oft schwer zu isolieren.
Adulte Stammzellen produzieren meist nur die wenigen Zelltypen des entsprechenden Gewebes (z.B. Knochenmark produziert verschiedene Blutzellen, aber keine Leberzellen).
Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS) sind embryonalen Stammzellen ähnlich. Sie werden aus adulten Körperzellen erzeugt, die man so reprogrammiert, dass sie sich in wahrscheinlich alle spezialisierten Körperzellen entwickeln können.
Bei der Geburt findet man Stammzellen im Nabelschnurblut. Diese sind wenig differenzierte Stammzellen, leichter zu isolieren als adulte Stammzellen aus anderen Geweben und könnten bei therapeutischen Ansätzen weniger Risiko einer Abstoßung bedeuten.
Wenn Zellen aus Nabelschnurblut in andere Zelltypen differenziert werden könnten, so könnten diese bei der Geburt in einer „Bank“ eingefroren werden, um für Zelltherapien im Verlauf des Lebens verfügbar zu sein.
Der Embryo nistet sich in der Gebärmutter ein, und die ersten Stadien des Nervensystems bilden sich nach 14 Tagen. 14 Tage ist die rechtliche Grenze für Forschung an Embryonen in vielen Ländern. In Österreich ist die verbrauchende Forschung an menschlichen Embryonen nicht erlaubt.
Vor der 14-Tage-Grenze könnte ein Embryo sich in Zwillinge teilen. Viele Embryonen gehen aufgrund von genetischen Defekten von selbst ab.
Nach 14 Tagen ist die Einnistung des Embryos in der Gebärmutter abgeschlossen.
In Österreich ist die Gewinnung von Zellen aus einem Embryo zu Forschungszwecken verboten. Einige Länder erlauben Stammzellforschung nur an Stammzellen aus über- zähligen Embryonen aus der IVF. Großbritannien erlaubt es, Embryonen für die Stammzell- forschung herzustellen, auch durch Klonen.
In Großbritannien ist es illegal, einen Menschen zu klonen. Aber es ist erlaubt, einen geklonten menschlichen Embryo herzustellen und bis zur 14- Tage-Grenze zur Gewinnung von Stammzellen wachsen zu lassen. Der Unterschied liegt im Zweck, nicht im Verfahren.
2004 behauptete der südkoreanische Forscher Woo Suk Hwang, Stammzellen aus einem geklonten menschlichen Embryo hergestellt zu haben. Nachträglich wurde nachgewiesen, dass er die Ergebnisse seiner Stammzellen- Forschung gefälscht hatte. Wettbewerbs-, Publikations-, Zeit- und Karrieredruck können zu unlauterem Verhalten in der Wissenschaft führen, welches in PatientInnen falsche Hoffnungen weckt.
Beim so genannten therapeutischen Klonen wird ein Zellkern aus der Zelle eines Patienten/einer Patientin in eine Eizelle eingeführt. Aus dem entstandenen Embryo werden embryonale Stammzellen isoliert. Diese sind weitgehend genetisch ident mit den Körperzellen des Patienten/der Patientin. Eine Abstoßungsreaktion könnte dadurch verhindert werden.
Beim therapeutischen Klonen würden Körperzellen eines Patienten oder einer Patientin mit einer menschlichen Eizelle fusioniert, deren DNA entfernt wurde. Damit entsteht ein geklonter Embryo des Patienten oder der Patientin.
In Österreich ist ein Schwangerschaftsabbruch innerhalb der ersten drei Schwangerschaftsmonate nach ärztlicher Beratung nicht strafbar. Wenn es medizinische Gründe dafür gibt, ist ein Schwangerschaftsabbruch auch danach noch möglich.
2004 scheiterte ein Verbot des Klonens innerhalb der Vereinten Nationen. Alle Nationen unterstützen das Verbot des reproduktiven Klonens, aber einige wollten auch ein Verbot der Forschung mit geklonten Embryonen, die andere erlauben.
Der Fötus entwickelt seine Ge- hirnstruktur ab der 10. Woche. Das zentrale Nervensystem beginnt mit seiner Entwicklung zwischen dem 19. und 23. Tag. Die Frist für Abtreibungen in Großbritannien ist die 24. Wo- che, wenn der Fötus beginnt, auf Licht, Schall und Bewegung zu reagieren. Die Frist für For- schung an Embryonen ist dort jedoch 14 Tage. In Österreich ist die verbrauchende Forschung an Embryonen verboten.
Hautzellen von erwachsenen Personen können in Stammzellen reprogrammiert werden (induzierte pluripotente Stammzellen – iPS).
Wenn therapeutisch einsetzbar, könnte auf diesem Weg eine immunologische Abwehrreaktion des Patienten/der Patientin vermieden werden. Die Stammzellen würden aus körpereigenen Hautzellen hergestellt werden.
Innerhalb des heutigen Judentums gibt es eine breite Zustimmung zur Stammzellforschung.
Die katholische Kirche steht der Gewinnung von Stammzellen aus menschlichen Embryonen ablehnend gegenüber. Sie tritt für die Achtung und den Schutz des Menschen in allen Stadien seiner Entwicklung ein.
Innerhalb des Protestantismus findet man ein breites Spektrum an Meinungen zur Forschung an humanen embryonalen Stammzellen. Sowohl ablehnende als auch befürwortende Haltungen sind zu finden.
Es gibt verschiedene Positionen zu Forschung mit und an humanen embryonalen Stammzellen innerhalb des Islam. Im Brennpunkt der Diskussionen steht oft der Zeitpunkt der Beseelung des Embryos, es herrscht jedoch keine Einigkeit darüber, ebenso wenig wie über den moralischen Status des Embryos.
Issue cards
Wenn die Fähigkeiten der embryonalen Stammzellen genützt werden können und keine Argumente gegen deren Einsatz sprechen, können wir möglicherweise viele bisher unheilbare Krankheiten behandeln.
Wann beginnt das menschliche Leben?
Welchen Status sollen wir einem 14 Tage alten Embryo geben? Ist er...
• Ein Zellhaufen?
• Ein mögliches oder sich entwickelndes menschliches Leben?
• Ein vollständiger Mensch mit allen Rechten?
Ist die Aussicht auf Behandlung von derzeit unheilbaren Krankheiten ausreichend Rechtfertigung für die Verwendung von embryonalen Stammzellen in der Forschung?
Dürfen Embryos zerstört werden, um das Leben anderer Menschen zu retten?
Wie sollen wir leben? Sollen wir uns eine eigene Meinung über die Welt, in der wir leben möchten, bilden? In wie weit sollen unsere traditionellen Werte in einer pluralistischen Gesellschaft aufrechterhalten werden?
Sollen wir darauf achten, tief verwurzelte menschliche Werte nicht unter dem Druck wissenschaftlicher Neuerungen zu opfern?
Ist es gerechtfertigt, Embryonen nur zum Zwecke der Stammzellforschung herzustellen? Ist es in Ordnung, überschüssige Embryonen aus der IVF oder der Embryonenselektion zu verwenden, die sonst zerstört würden? Warum?
Wenn wir Embryonen nur erzeugen, um daraus Stammzellen herzustellen, ist das dann so, als ob wir Embryonen nur als Quelle für Ersatzteile nutzen? Und wenn ja, ist das in Ordnung?
Sollen wir PID (Präimplantationsdiagnostik), also Embryoselektion im Rahmen von künstlicher Befruchtung, erlauben, um schweren genetischen Krankheiten vorzubeugen?
Ist die Erzeugung und Verwendung geklonter Embryonen ein Schritt in Richtung der Herstellung von geklonten menschlichen Babys?
Sollen wir mit geklonten Embryonen erst dann forschen, wenn wir das Potenzial von Stammzellen, die aus überschüssigen Embryonen aus IVF oder aus erwachsenen Geweben stammen, gänzlich untersucht haben? Ändert die Möglichkeit, Körperzellen zu reprogrammieren, etwas an der Betrachtung von embryonalen Stammzellen?
Sollen wir der Wissenschaft moralische Grenzen setzen? Sollen wir beispielsweise ausschließlich nicht-embryonale Stammzellforschung erlauben? Welchen Einfluss hätte das auf die Forschung und den Fortschritt in der Wissenschaft?
Basieren die Grenzen für die Embryonenforschung (wie z.B. in Großbritannien von 14 Tagen) und die verschiedenen Fristen für Abtreibung auf Wissenschaft, moralischen Unterschieden, oder sind sie lediglich willkürliche gesetzliche, juristische Grenzen?
Ein UNO-Verbot des Klonens von Menschen wurde vorgeschlagen. Soll die Gesellschaft danach streben, bestimmte Anwendungen der Wissenschaft einzuschränken? Oder wird sowieso getan, was machbar ist?
Wer soll an der Entwicklung von Stammzelltechnologien und Stammzelltherapien beteiligt sein – Regierung, Privatunternehmen, Stiftungen, Treuhandfonds oder Universitäten?
Sollten die Forschungsgelder für die gesamte Stammzellforschung in das Budget für die Entwicklungshilfe umverteilt werden, um die medizinische Grundversorgung in armen Ländern zu verbessern?
Werden diese Technologien die Kluft zwischen “arm” und “reich” verkleinern oder vergrößern?
Adulte Stammzellen werden bereits zur Behandlung eingesetzt, beispielsweise bei Knochenmarks- Transplantationen zur Behandlung von Leukämie. Jede Art der Stammzellforschung kann zum besseren Verständnis von Stammzellen beitragen. Wie beeinflusst das den Standpunkt zu Forschung an embryonalen Stammzellen?
Wecken wir fälschlicherweise die Erwartungen, Menschen mit degenerativen Erkrankungen heilen zu können?
Inwieweit sind wir berechtigt, umstrittene Forschung an Embryonen durchzuführen, um einer alternden Population das Leben zu verlängern? Und was, wenn die Lebensqualität im sehr hohen Alter nicht verbessert werden kann?
Hat die medizinische Forschung vielleicht eine Grenze? Gibt es einen Punkt, an dem wir die eigene Sterblichkeit und die Tatsache des Leidens akzeptieren müssen?
Wie demokratisch ist die Politik bei diesen Themen und wie viel Demokratie ist wünschenswert?
Auch in der Medizin dürfen ForscherInnen nicht ihre eigenen Regeln aufstellen, um ihre Ziele zu erreichen.
Die Gesellschaft hat ein Recht darauf zu sagen, was erforscht werden soll und was nicht. Wie weit soll das gehen? Wie viel Einfluss soll die Gesellschaft auf die Wissenschaft haben?
Stammzellen haben das Potenzial, in der Behandlung von Krankheiten eingesetzt werden zu können. Wer soll Stammzellforschung finanzieren? Und wer sollte für die möglicherweise aufwendige Behandlung aufkommen?
Unterschiede zwischen embryonalen Stammzellen und iPS sind noch nicht ausreichend erforscht. Sollen für die Forschung an iPS Regelungen eingesetzt werden? Wie können wir zukünftige Entwicklungen in heutigen Regelungen berücksichtigen? Sollen Forschungsthemen oder die Anwendungen der Forschungsergebnisse reguliert werden?
Wird Wissenschaft zu sehr zu einem politischen Thema, wenn sie durch die Gesetzgebung streng reguliert wird? Wie viel Einfluss soll die Politik haben?
Story cards
Policies
Stammzellforschung darf nur an adulten oder Nabelschnurzellen durchgeführt werden.
Zusätzlich zu adulten oder Nabelschnurzellen darf Stammzellforschung auch an "überzähligen" Embryonen (weniger als 14 Tage alt), die sonst zerstört würden, durchgeführt werden.
Zusätzlich zu Position 2 darf Stammzellforschung an speziell für die Forschung durch IVF hergestellten Embryonen durchgeführt werden.
Zusätzlich zu Position 3 dürfen Embryonen auch für die Stammzellforschung geklont werden.



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