Basics
Es ist wahrscheinlich, dass Medikamente, die zur Behandlung von Krankheiten entwickelt wurden, auch dazu in der Lage sein werden, unsere natürlichen Fähigkeiten zu verbessern. Es ist zudem wahrscheinlich, dass Medikamente zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit die normale Gedächtnisfunktion wesentlich verbessern. Auch erhöhen Anregungsmittel, die heute bei Kindern mit Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) angewendet werden, die Konzentrationsfähigkeit des „normalen“ Gehirns. Zudem lässt sich die emotionale Verfassung verbessern. Die neue Generation pharmazeutischer Medikamente zur Behandlung von Depression wirken auch auf Menschen, die nicht an Depression leiden: Menschen, die diese Medikamente nehmen, sind weniger mit kleinen Alltagsproblemen beschäftigt und führen ein optimistischeres und zuversichtlicheres Leben.
Anstatt diese Medikamente ausschließlich für therapeutische Zwecke zu nutzen, könnten sie eines Tages auch zur Optimierung des normalen Körpers, des normalen Gehirns und der normalen Psyche eingesetzt werden. Ist es angesichts der vermeintlichen Vorzüge überhaupt vermeidbar, dass solche Medikamente zur „Verbesserung des Menschen“ eingenommen werden? Können oder sollen wir versuchen, diese Entwicklungen zu begrenzen?
Diese Frage ist sicherlich vor allem dann berechtigt, wenn sich herausstellt, dass diese Medikamente nicht schädlich sind. Was ist falsch daran Gedächtnis, Intelligenz, Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit zu verbessern? Oder sogar unsere Kreativität, Empathie und Geselligkeit? Bereits heute greifen wir zu Kaffee, Zigarette oder einem Glas Chardonnay. Machen wir dies nicht vor allem wegen des Effekts, den Koffein, Nikotin oder Alkohol auf unser Gehirn hat? Gibt es einen Unterschied zwischen einer Pille und einer Tasse Kaffee?
Info cards
Vor 20 Jahren dachten Wissenschaftler, dass sich dass Gehirn nach der frühkindlichen Entwicklung nicht weiter verändert, mit Ausnahme des durch den Alterungsprozess bedingten Verlusts an Nervenzellen.
Heute wissen wir, dass sich das Gehirn während des gesamten Lebens umgestaltet, als Ergebnis von Lernen und Anpassung an die Umwelt.
Wissenschaftler behaupten, dass zu dem Zeitpunkt, an dem uns bewusst wird, dass wir etwas tun, dies in unserem Gehirn bereits geschehen ist. Das bedeutet, dass unser Gehirn und nicht unser Bewusstsein unser Verhalten kontrolliert. Bewusstsein ermöglicht dem Gehirn, sein Verhalten zu erklären.
Bei der Suche nach einer Verbindung zwischen Verhalten und Gehirnanatomie oder -biologie haben Wissenschaftler herausgefunden, dass 21 Individuen mit „antisozialem Verhalten“ durchschnittlich 11% weniger Volumen in einem Teil ihres Gehirns haben.
Bei der Untersuchung von tierischen Verhaltensweisen, wie Abhängigkeit, Aggression und elterlichem Verhalten, haben Wissenschaftler festgestellt, dass sich diese mithilfe von Medikamenten verändern lassen. Einige Aspekte dieser Forschung werden sogar schon an Menschen angewandt.
Menschen, die an der Parkinson-Krankheit leiden, können ihre Bewegungen nicht besonders gut kontrollieren. Die Ursache dafür ist das Absterben von Gehirnzellen in dem Teil des Gehirns, der für Bewegung zuständig ist. Es gibt Medikamente um Parkinson zu behandeln, allerdings entwickeln viele Menschen diesen gegenüber eine Resistenz.
Tiefenhirnstimulation wird zur Behandlung der Parkinson-Krankheit sowie anderer Bewegungsstörungen angewandt. Heute wird sie auch im Zusammenhang mit psychiatrischen Zuständen erprobt, wie z.B. Depression und Zwangsneurosen.
Die Parkinson-Krankheit ist ein guter Kandidat für die Stammzelltherapie, da der zerstörte Teil des Gehirns klein und leicht zu identifizieren ist. Das Ersetzen zerstörter Zellen mithilfe von Stammzellen könnte zu einer Verbesserung, wenn nicht gar Heilung führen.
Zwischen 1930-1950 wurden Schizophrenie-Patienten behandelt, indem ihnen der vordere Teil des Gehirns entfernt wurde. Dies hatte bleibende Persönlichkeitsveränderungen zur Folge. Moderne Tiefenhirnstimulationstechniken können sehr viel gezielter auf das Gehirn einwirken und deren Effekte sind außerdem rückgängig zu machen.
Es scheint, dass TMS die Gedächtnis- und Denkleistung verbessert, Menschen von den Auswirkungen schwerer Ermüdungserscheinungen befreit oder ihnen eine neue Fähigkeit ermöglicht.
Wird der Gebrauch verschreibungspflichtiger Medizin dadurch gefördert, dass nicht-medizinische Gegebenheiten ein medizinisches oder psychologisches Label erhalten?
Medikamentöse Behandlungen können normale Menschen “besser als normal” machen. Es gibt bereits Medikamente, die die Stimmung, das Gedächtnis, die Wahrnehmung sowie Grundfunktionen wie Schlaf, Appetit und Sex verbessern.
Neue Antidepressiva sind sehr viel sicherer als herkömmliche, was zu einer breiteren Anwendung führt. Es gibt einen Trend, dass vollkommen gesunde Menschen diese als „Stimmungsaufheller“ verwenden, um sich „besser als gut“ zu fühlen.
Depressionen können kommen und gehen, oftmals liegen Jahre zwischen einzelnen Episoden. Heutzutage werden Patienten gerne über mehrere Jahre mit einer neuen Generation von Antidepressiva behandelt, selbst wenn sie keine Symptome zeigen.
In Aldous Huxleys Buch „Schöne neue Welt” von 1930 beseitigt die Droge „Soma“ alle schmerzlichen Gefühle. Heute gibt es eine Vielzahl von Gehirnmedikamenten, die den Konsumenten ohne oder mit Rezept zugänglich sind.
Die Weltgesundheitsorganisation hat Depression als größte gesundheitliche Gefährdung dieses Jahrhunderts bezeichnet. Psychische Störungen sind eine der führenden Ursachen für Krankheiten und Beeinträchtigungen in Europa und darüber hinaus.
Viele Gehirnmedikamente werden nicht nur zur Behandlung von Krankheiten eingenommen. Einige Menschen, die Angst lösende Mittel einnehmen sind möglicherweise gar nicht besonders ängstlich.
Ritalin und ähnliche psycho-stimulierende Medikamente können die Wachsamkeit, die Reaktionszeit sowie das Problemlöse- und Planungsverhalten verbessern. Es wird angenommen, dass Ritalin das meist gebrauchte Freizeit-Medikament an amerikanischen Universitäten ist.
Viele Pharmakonzerne stellen große Anstrengungen an, die Entwicklungen gedächtnissteigernder Medikamente zu erforschen. Gedächtnisverbessernde Nahrungsergänzungsmittel sind bereits ein Milliardengeschäft, obwohl es wenig Beweise für ihre Wirksamkeit gibt.
Medikamente zur Behandlung von Schlafstörungen können tagelang die Wachsamkeit verlängern. Das Militär hat den Gebrauch an gesunden Menschen erforscht.
Das US-Militär gibt 20 Millionen Dollar für die Erforschung neuer Mittel aus, die Müdigkeit verhindern und den Soldaten ermöglichen sollen, ohne Schlaf bis zu sieben Tage wach, aufmerksam und funktionstüchtig zu bleiben, ohne an irgendwelchen Folgen zu leiden.
Das US-Militär hat die Optimierung von Menschen vorgeschlagen. Geforscht wird nach Möglichkeiten, Soldaten klüger, härter, schneller und stärker zu machen – kurz: übermenschlich!
„Vielleicht ist es nicht gut, das Gedächtnis jeden Tag für den Rest des Lebens chronisch zu verbessern. Vielleicht wird dies psychologische Nebenwirkungen erzeugen, wie z.B. dass deine Gedanken von zu vielen Dingen, die du nicht vergessen kannst, erdrückt werden.“
Viele Gehirn-verbessernde Medikamente waren ursprünglich zur Behandlung medizinischer Probleme gedacht, haben sich dann aber als für eine breite Anwendung sicher genug erwiesen.
Die Auswirkungen des medialen Informationsüberflusses auf das heranwachsende Gehirn sind uns nicht bekannt. Manche sehen das Gehirn durch den Einfluss der Medien mehr gefährdet als durch Drogen.
Issue cards
Sollte die bildliche Darstellung des Gehirns über die Diagnose und Behandlung von Krankheiten hinaus erlaubt sein? Wer sollte die Erlaubnis dazu haben?
Macht es einen Unterschied, eine Elektrode im Gehirn zu haben oder eine Pille zu nehmen?
Wenn bei aggressivem und sexuell unangemessenem Verhalten gerichtlich Medikamente verordnet werden, kann man dann von Missachtung der individuellen Freiheit und menschlichen Würde sprechen? Und was, wenn diese Behandlung auch die Einpflanzung von Elektroden miteinschließt?
Welche der folgenden Eigenschaften würde ich verbessern, wenn dies mit künstlichen Mitteln möglich wäre (Pillen, Elektrode, TMS etc.)?
• Gedächtnis?
• Intelligenz?
• Stimmung?
Sind einige Methoden akzeptabler als andere?
Wird die Verbesserung des Gehirns breite soziale Effekte haben? Werden einige Gruppen gegenüber anderen Vorteile haben?
Sollten wir Präsidenten und Premierminister, die weltverändernde Entscheidungen treffen, dazu auffordern, Gehirn-verbessernde Medikamente zu nehmen?
Werden wir durch künstliche Veränderungen des menschlichen Gehirns die Evolution der Menschheit verändern?
Wie können wir die Langzeitwirkungen der meisten psychoaktiven Medikamente abschätzen, besonders wenn Menschen diese von frühem Alter an und über einen langen Zeitraum hinweg einnehmen?
„Sobald Medikamente zugelassen und akzeptiert sind, werden andere Menschen diese zu anderen Zwecken gebrauchen.“
Es besteht die Gefahr, dass Arbeitgeber und Bildungseinrichtungen, die auf der Suche nach besser abschneidenden Arbeitern und Studierenden sind, diese zu Gehirn-verbessernden Maßnahmen zwingen. Dies muss gestoppt werden!
Bin ich noch die gleiche Person, nachdem ich ein Medikament eingenommen habe, das meine Gehirntätigkeit beeinflusst?
Sollte Depression mit einer Pille oder durch Gespräche mit einem Therapeuten behandelt werden?
Wenn ein Problem im Gehirn verortet wird, sollte dann auch das Heilmittel allein im Gehirn gefunden werden?
Wie lässt sich im Bereich der Stimmungsbeeinträchtigun¬gen eine klare Grenze zwischen gesund und krank ziehen?
Ist Depression eine Störung des Individuums oder eine Störung der Gesellschaft?
Besteht das Risiko, dass der Gebrauch von Gehirn-Medikamenten ein soziales Problem verdecken könnte?
Inwiefern ist die Bandbreite menschlicher Verhaltensweisen sozial akzeptiert?
„Die meisten von uns würden gerne heiter und anmutig durchs Leben gehen, sich am Arbeitsplatz wie ein Laserstrahl konzentrieren und sich jede Nacht an leidenschaftlichem Sex erfreuen. Dennoch haben die meisten von uns ein Problem damit, dies mithilfe von Medikamenten zu erreichen. Warum eigentlich?“
„Wer definiert Verhalten und Verhaltensstörung, wer sollte die Behandlung kontrollieren?“
„Ist es ethisch korrekt, Medikamente zu nehmen, um sich gegenüber anderen einen Vorteil zu verschaffen?“
“Education is a cognitive enhancer that is very inequitably distributed, but society is not against education. Conversely, neurocognitive enhancers might be relatively easy to distribute widely.”
Falls leistungssteigernde Medikamente entwickelt werden, was für Folgen hätte dies für diejenigen, die diese zum Bestehen von Prüfungen einnehmen würden?
Macht es einen Unterschied, vor einer Prüfung ein aufputschendes Medikament oder eine Tasse Kaffee „einzuschmeißen“?
Gerichte können bereits die Behandlung von Kriminellen erwirken. Besteht die Gefahr, dass Behandlungen all denjenigen aufgezwungen werden, die die Gesellschaft als „abweichend“ ansieht?
Story cards
Policies
Vorausgesetzt die möglichen negativen Effekte lassen sich abschätzen, dann sollte es keine weiteren Kontrollen hinsichtlich der „Verbesserung des Gehirns” geben, als die, die es heute für Alkohol oder Tabak gibt! Der Markt soll entscheiden!
„Verbesserungen des Gehirns” sollten unter allen Umständen strengen medizinischen Kontrollen unterliegen – das bedeutet, sie müssen ärztlich verschrieben werden!
„Verbesserungen des Gehirns“ sollten nicht für die allgemeine Öffentlichkeit zugänglich sein, Forschung sollte aber weitergeführt werden (mit klinischen Versuchen, militärischem Einsatz etc.), um die langfristigen Konsequenzen, die medizinischen und die sozialen, zu verstehen!
Die Verwendung von Anregungsmitteln, die normales Verhalten verbessern, ist moralisch inakzeptabel, weshalb der Gebrauch solcher Substanzen nur für therapeutische Zwecke zulässig sein sollte – für die Behandlung von Krankheiten, Beeinträchtigungen und anderen Störungen!



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